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Lesung am Aschermittwoch

Die Autorin in der Höhle des Mundes

Die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva ist eine Meisterin konzentrierten Erzählens. Ihre Texte sprechen eine schlichte und zugleich poetische Sprache, die dem Leben abgelauscht ist und mitunter auch lakonische Töne annimmt. „Selbstverständlich verspüre ich manchmal weder Lust auf Tee noch auf Kaffee – in diesem Augenblick schlägt die Sternstunde einer heißen Schokolade.“ Wer sich auf ihre Sprache einlässt, dem steigt nicht nur der Mund in den Kopf, der muss auch sein Schuhwerk wieder in den Mund nehmen, denn „der mund ist eine art linguistischer schuh…“, behauptet Volha Hapeyeva einmal.

Die Schauspielerin Ninja Reichert liest den Text von Volha Hapeyeva

„Ein Salat ist ein kollektives Subjekt, das aus jenen besteht, die sich hinzugesellen, es ist sozusagen eine andere Form von Existenz, und ähnelt damit ganz und gar nicht der einer vereinzelten Tomate, Gurke, einem Radieschen o. ä..“  Sie sympathisieren also mit einer Gurke? Sie bemerken, dass Ihr Tomat am Donnerstag verstarb. Sie haben das Vertrauen in Ihre Pasta verloren? Sie denken, dass Ihre Tasse eine Buddhistin ist? Sie hören den Klang einer Eierharfe? Volha Hapeyeva schreibt ohne große Gesten, ohne Überschwang über Lebensmittel, erhebt  Küchengeräte zu Helden und verknüpft diese mit philosophischen Ideen. Leichthändig greift sie der Nahrung ins Herz, und was heißt das im Prosaischen anders, als dass sie die Dinge auf den Tisch legt, mit Understatement und Witz. Insgesamt sind es „31 essbare Geschichten“ geworden, die bisher nur auf Belarussisch veröffentlicht wurden. Und jede Geschichte ist ein Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn man sich auf „Nährendes“ konzentriert und es durch den philosophischen Denkwolf lässt, als gingen Gott und die Welt, Mann und Frau, Text und Sprache durch den Magen. Volha Hapeyeva erhebt die Einbauküche zur ersten Höhle der Philosophie: „Das Öffnen von Dosen, von Gläsern, das Aufreißen von Päckchen, das Herausnehmen von etwas Hartem, Kaltem oder bereits Erhitztem, von Flüssigem oder Gummiartigem, von etwas, das immer Körper ist – dieser Vorgang des Herausnehmens eines Inhalts – macht mich zu einer Hebamme, (…)“. Nun werden einige dieser Geschichten am Aschermittwoch in St. Andrä zu hören sein. Ninja Reichert wird sie lesen: Gedankenvöllereien zu Beginn der Fastenzeit. In Graz ist Volha Hapeyevas übrigens keine Unbekannte mehr, bereits 2013 war sie Stipendiatin des Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren. Jetzt lebt sie wieder in Graz. Bis August dieses Jahres ist sie noch Stadtschreiberin.

Barbara Rauchenberger

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